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Quelle: target-nehberg.de

Interview mit dem Menschenrechtler Rüdiger Nehberg
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Zum Gedenken an Rüdiger Nehberg, den ich zu einem Buchprojekt schon im Jahre 2009 – Prüfungsvorbereitung, Zeit- und Arbeitsplanung, Beltz – kennenlernen durfte. Er war ein ganz großer!
Konrad Scheib

Herr Nehberg, mit Ihrem Namen sind viele Erfolgsmeldungen verbunden. Sie haben die unterschiedlichsten Herausforderungen angepackt und bravourös gemeistert. Wie definieren Sie für sich persönlich den Begriff »Erfolg«, was war Ihr bisher größtes Erfolgserlebnis?
»Erfolg« ist für mich die Realisation eines Vorhabens, dessen Endresultat nicht von vorn herein feststeht, und das mit besonderer Strategie erarbeitet werden muss. Mein größtes Erfolgserlebnis war die Verwirklichung der Vision, der Welt höchste islamische Geistliche zu einer Konferenz in die Azhar-Universität einzuladen und zu der Entscheidung zu ermutigen, das Verbrechen der weiblichen Genitalverstümmelung für Muslime zur Sünde zu erklären, unvereinbar mit der Ethik des Islam. Das ist mir und meiner Frau Annette am 24.11.2006 in Kairo gelungen.

Haben Sie auch schon Situationen erlebt, in denen Sie am liebsten »alles hingeschmissen« hätten? Wenn ja, wie haben Sie sich oder was hat Sie zum Weitermachen motiviert?
Ja. Als ich nach zehn Jahren körperlichem Einsatz im Bürgerkrieg, brasilianischer bewaffneter Goldsucher (65 000) gegen die Yanomami-Indianer (20 000), vor einem von Goldsuchern niedergebrannten Indianerdorf stand und das Gefühl hatte, gegen die durchorganisierte Goldmafia aus Politikern und Militär keine Chance zu haben, den drohenden Völkermord zu stoppen. Meine Chance: Niederlagen haben mich nie dauerhaft deprimiert. Im Gegenteil: Wut angesichts der Verbrechen hat mich immer besonders kreativ gemacht. Mir kamen im Handumdrehen stets neue Ideen, wie man mit spektakulären Aktionen das Unrecht weltweit ins Gespräch bringen und die proindianische Lobby vergrößern könnte. Im Jahre 2000 (nach 18 Jahren Engagement) war es soweit: die Yanomami erhielten infolge internationalen Drucks einen akzeptablen Frieden. Ihr Land von der Größe der Schweiz steht nun unter relativem Schutz. Meine Hauptmotivation und wichtig für das Durchhalten waren immer drei Faktoren: Ich wusste, wofür ich kämpfte, weil ich Augenzeuge geworden war. Daraus resultierten Wut und Entschlossenheit. Und bald kamen erste Erfolge zustande. Gegen dieses Motivationskonglomerat ist kein Kraut gewachsen.

Wie bereiten Sie sich auf eine »Prüfung« vor? Wie viel Planung investieren Sie in eine neue extreme Herausforderung? Wie stellen Sie sich auf Unvorhergesehenes oder Unvorhersehbares ein?
Als Erstes analysiere ich alle denkbaren Probleme. Bei der Fahrt mit dem Tretboot über den Atlantik waren das Piraten, Schiffbruch, Durst, Nässe, Kollisionen, Einsamkeit, Krankheit. Dazu kamen meine Angst vor Wasser, chronische Seekrankheit und null Ahnung von Navigation und Schiffbau. Entsprechend liefen dann die Vorbereitungen ab. Kurse, körperliche Trainings, Konsultation von Experten. Irgendwann hatte ich gegen alle Probleme auch noch mindestens ein weiteres As im Ärmel. Das alles dauerte neun Monate, weil ich nebenbei meinem Beruf als selbstständiger Konditor nachgehen musste. Aber die Vorbereitungen waren für mich genauso reizvoll und spannend wie die Reise selbst. Dennoch habe ich mich nie »zugeplant«. Das Restrisiko sollte immer auch eine faire Chance haben. Es machte den Reiz meiner Reisen aus: Abenteuer-Schach (Buch »Überleben ums Verrecken«). Später, mit inzwischen gestiegenen Erfahrungen, brauchte ich bei anderen Wagnissen fast gar keine Vorbereitung mehr. Beispielsweise, als ich im Alter von 65 Jahren noch einmal mit einem massiven Baumstamm über den Atlantik gefahren bin. Oder als mich mit 68 Jahren ein Hubschrauber nackt und ohne Hilfsmittel im brasilianischen Urwald ausgesetzt hat, und ich nach dreieinhalb Wochen wieder in der Zivilisation auf der Matte stand. 

Hatten Sie schon einmal Angst vor irgendwem oder irgendetwas? Wenn ja, wie sind Sie mit der Angst umgegangen?
Angst habe ich vor einem qualvollen Tod, zum Beispiel unter Folter. Angst habe ich mir aber als wichtiges Alarmsignal des Körpers immer erhalten. Ich habe sie nie abtrainiert, sondern »kultiviert«. Als 1970 mein Freund Michael vor meinen Augen von einem Dutzend Banditen aus zwei Metern Entfernung am Blauen Nil (Äthiopien) erschossen wurde, war es uns zwei (nur mit Glück) Überlebenden gelungen, den Angriff zu stoppen. Das gelang, weil wir ebenfalls, aber unsichtbar bewaffnet waren. Wir trugen einen Revolver unterm Hemd. Wir flohen dann mit unserem plumpen Boot. Uns war klar, dass die Feinde uns als Zeugen ausschalten wollten. Wir waren auf den mäandernden Fluss angewiesen, die Verfolger hatten den Vorteil der Ortskenntnis. In den ersten Momenten nach dem Mord reagierte mein Körper mit nie gekannter Anspannung. Ich war bereit, jeden zu töten, der sich uns genähert hätte. Alles war auf Flucht und Notwehr ausgerichtet. Ich habe mir in die Hosen gemacht, weil der Darm revoltierte, und man sich nicht die Zeit zu nehmen wagte, die Notdurft wie üblich zu verrichten. Erst nach fünf Tagen erreichten wir die Zivilisation, lösten eine Fahndung aus und haben die Täter gefangen (»Abenteuer am Blauen Nil«). 

Haben Sie einen Tipp für Schüler, die Prüfungsangst haben?
Wer Prüfungsangst hat, sollte der Angst in vielfacher Weise begegnen. Vor allem mit bestmöglicher Vorbereitung. Sie schafft das nötige Selbstvertrauen, stärkt das Selbstwertgefühl und verhindert unnötige Panik. Am Tag vor den Prüfungen habe ich das Prüfungsthema ein letztes Mal durchgepaukt. Um 17 Uhr war Feierabend, und es gab keinerlei Ablenkung mehr durch Musik, Fernsehen oder anderes. Ich versuchte, bestmöglich ausgeschlafen zu sein und gönnte mir vor der Prüfung eine besondere Stunde der Ruhe und Konzentration. Manchem Prüfling mag es helfen, sich homöopathisch zu stärken (Bachblütentropfen gegen Konzentrationsprobleme oder Panik und zur Stärkung des Selbstvertrauens; Notfall-Bonbon). Doch dazu sollte man die Reaktion des eigenen Körpers gut kennen. Hilfreich kann auch sein, sich für den Fall des totalen Zusammenbruchs eine Mogelmöglichkeit (Notizen im Kugelschreiber) zu schaffen, wohl abwägend, dass bei Auffliegen der Täuschung Prüfung und Vorarbeit für die Katz waren.

Ihr extremes Engagement kann man nicht »einfach« nachahmen. Aber man kann an Ihren Aktionen teilhaben. Was könnte jemand tun, der sich für Ihre Anliegen engagieren möchte?
Er kann gern bei meiner Menschenrechtsorganisation TARGET (deutsch: ZIEL) als Förderer mitmachen. Der Jahresbeitrag beträgt bescheidene 15 Euro. Worauf sich ein Förderer einlässt, verrät unsere Homepage. Es ist der Kampf gegen das Verbrechen »Weibliche Genitalverstümmelung«; und zwar gemeinsam mit den geistlichen Führern des Islam als einzigen Partnern. Die Vereinsgründung war erforderlich geworden, nachdem konventionelle Organisationen eine solche Kooperation für absurd hielten (»Der Islam ist nicht dialogfähig.«). Der eigene Verein verschaffte mir und meiner Frau Annette die erforderliche absolute Unabhängigkeit und inzwischen die historischen Erfolge. Näheres auf unserer Homepage  target-human-rights.com und im Buch »Karawane der Hoffnung – ein Märchen wie aus 1001 Nacht«.